Informationen - Fachbeiträge und Meldungen

Die Rolle des Landschaftsbildes bei der Energiewende

Fachbeitrag Steffen Kawohl

© Skitterphoto/Pixabay

Durch die fortschreitende Energiewende verändert sich das bisher gewohnte Landschaftsbild. Welche Veränderungen dabei angemessen und vertretbar sind, beurteilt jeder Mensch unterschiedlich. Wie dieser verschiedenen Wahrnehmung bei der Planung und Genehmigung von Erneuerbare-Energien-Anlagen zum Schutz von Natur und Landschaft entsprochen wird und wie Veränderungen des Landschaftsbildes kompensiert werden, erklärt dieser Fachbeitrag.

Durch den Wandel des Energiesystems zur immer stärkeren Nutzung erneuerbarer Energieträger und der damit verbundenen Errichtung von Anlagen verändert sich das Landschaftsbild. Die Stromerzeugung wird im Umfeld und somit im täglichen Leben vieler Menschen deutlich sichtbarer. Daher werden die Auswirkungen der Energiewende auf das Landschaftsbild bei konkreten Ausbauprojekten der erneuerbaren Energien vor Ort immer wieder thematisiert. Einige Menschen empfinden eine solche sichtbare Veränderung des gewohnten Landschaftsbildes und ihrer vertrauten Umgebung als Beeinträchtigung ihrer Heimat und der eigenen kulturellen Identität. So argumentieren Kritiker des Ausbaus der Windenergie, dass die Anlagen, die mit dem technischen Fortschritt und zunehmender Leistungsfähigkeit immer größer werden, die Landschaft in einem zu starken Ausmaß verändern. Neben Windenergieanlagen wirken sich auch Photovoltaik-Freiflächenanlagen, Biogas-Anlagen und Pumpspeicherkraftwerke durch ihre Größe, Gestalt und bestimmte betriebliche Aspekte auf das Landschaftsbild aus. Da die Energiewende noch längst nicht abgeschlossen ist und die Kapazitäten zur Nutzung erneuerbarer Energien künftig weiter ausgebaut werden, wird sich das Landschaftsbild vielerorts zunehmend weiter verändern. Dieser Beitrag widmet sich daher im Folgenden der Bedeutung und Berücksichtigung des Landschaftsbildes bei der Energiewende.

Wahrnehmung der Landschaft wird individuell geprägt
Die Art und Weise wie ein Mensch eine Landschaft wahrnimmt und schließlich bewertet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben den natürlichen Gegebenheiten der Landschaft selbst spielen soziale und persönliche bzw. individuelle Aspekte hinein. Die Wahrnehmung von Natur und Landschaft durch die Menschen veränderte sich im Laufe der Geschichte immer wieder. Sehr lange Zeit galt die unberührte Natur den Menschen als feindlich und bedrohlich. Als sich während der Zeit der Aufklärung schließlich das moderne Staatswesen entwickelte, breitete sich in der Bevölkerung dann eine gewisse Sehnsucht nach dem ursprünglichen Zustand der Natur und der Landschaft aus, die von einer Romantisierung des Landlebens begleitet wurde. Wie die Menschen Natur und Landschaft wahrnahmen, war somit schon in früheren Zeiten durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt. Die persönliche bzw. individuelle Wahrnehmung der Natur und des Landschaftsbildes einer Person speist sich aus der Realität, ihrer Erinnerung und ihrer Erwartung. Da jedes Individuum in seinem Leben unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat, bestimmte Erwartungen und eine einzigartige Persönlichkeit besitzt, nimmt jeder Mensch die Natur und Landschaft anders wahr.

Objektive Kriterien für die Bewertung des Landschaftsbildes erforderlich
Obwohl das Landschaftsbild kulturell und von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wird, erfordern Planungs- und Genehmigungsverfahren für Erneuerbare-Energien-Anlagen, das Landschaftsbild nach allgemeinen und möglichst objektiven Kriterien zu bewerten. Grundsätzlich wird das Landschaftsbild durch das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) geschützt. Laut § 1 Absatz 1 Nr. 3 BNatSchG sind Natur und Landschaft so zu schützen, dass ihre Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie ihr Erholungswert dauerhaft erhalten bleiben. Um Vielfalt, Eigenart und Schönheit des Landschaftsbildes beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu schützen, ist es notwendig, für das subjektive Empfinden der Landschaft möglichst objektive, einheitliche Kriterien zu finden. Da jeder Mensch das Landschaftsbild subjektiv für sich bewertet und Emotionen dabei eine Rolle spielen, ist es jedoch gerade beim Aspekt der Schönheit nicht einfach, eine allgemein anerkannte Definition aufzustellen. Aus einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 1994 lässt sich ableiten, dass es bei der Bewertung des Landschaftsbildes um die Betrachtungsweise eines „gebildeten, für den Gedanken des Natur- und Landschaftsschutzes aufgeschlossenen Betrachters“ geht. Die Bewertung des Landschaftsbildes sollte sich demnach auch daran orientieren, wie Laien die Landschaft wahrnehmen und nicht nur an der Auffassung von Experten wie zum Beispiel Landschaftsarchitekten. Denn wenn es um das subjektive ästhetische Empfinden eines „aufgeschlossenen Durchschnittsbetrachters“ geht, dann ist zur Bewertung der Schönheit des Landschaftsbildes kein fachliches oder überhaupt kein Vorwissen erforderlich. Um der Wahrnehmung von Natur und Landschaft der Menschen vor Ort gerecht zu werden, ist es sinnvoll, die Öffentlichkeit bei der Bewertung des Landschaftsbildes aktiv zu beteiligen.

Der Bau und Betrieb von Windenergieanlagen und Photovoltaik-Freiflächenanlagen stellen in der Regel Eingriffe in Natur und Landschaft nach § 14 BNatSchG dar. Das Bundesnaturschutzgesetz definiert einen solchen Eingriff als eine Veränderung der Nutzung oder Gestalt von Natur und Landschaft. Eine solche Beeinträchtigung ist laut Gesetz zu vermeiden. Als vermeidbar gelten Beeinträchtigungen nach § 15 BNatSchG dann, wenn zumutbare Alternativen existieren, um die Zwecke, die mit dem Eingriff verbunden sind, am gleichen Ort ohne oder zumindest mit geringeren Beeinträchtigungen der Natur und Landschaft zu erreichen. Wenn sich Beeinträchtigungen nicht vermeiden lassen, dann ist dies laut Gesetz zu begründen. Sollte sich eine Beeinträchtigung nicht vermeiden lassen, verpflichtet das Bundesnaturschutzgesetz den Verursacher dazu, diese durch bestimmte Maßnahmen auszugleichen oder zu ersetzen. Im Bundesnaturschutzgesetz sowie im Baugesetzbuch und in den Naturschutzgesetzen der Länder finden sich Bestimmungen, wie diese Beeinträchtigungen kompensiert werden müssen. Sind Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen nicht möglich, kann der Verursacher des Eingriffs bei gewissen Voraussetzungen auch eine finanzielle Kompensationszahlung leisten.

Windenergieerlass 2018 sieht Ausgleichszahlung vor
Für Windenergieanlagen sieht der Windenergieerlass 2018 der nordrhein-westfälischen Landesregierung ausdrücklich vor, dass ein Ersatzgeld als Ausgleich für Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes durch die Errichtung von Windenergieanlagen zu zahlen ist. Dies wird damit begründet, dass diese Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes wegen der Größe der Windenergieanlagen im Regelfall weder ausgeglichen noch ersetzt werden können.

Wie hoch die Ersatzgeldzahlung ausfällt, hängt von der Gesamthöhe der betreffenden Windenergieanlage und der jeweiligen Wertstufe des Landschaftsbildes ab, in dem sich die Anlage befindet. Bei den Wertstufen stützt sich der Windenergieerlass auf die landeseinheitliche Landschaftsbildbewertung des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV). Die Wertstufe bezieht sich auf die gesamte Landschaft in einem Umkreis um die Windenergieanlage der 15-fachen Größe ihrer Gesamthöhe. Sind innerhalb eines Windparks verschiedene Wertstufen betroffen, so wird für das Ersatzgeld ein gemittelter Betrag berechnet. Beispielhaft ergibt sich bei einem Landschaftsbild der höchsten Wertstufe 4 für einen Windpark mit sechs oder mehr Anlagen ein Ersatzgeld von 640 € pro Anlage je Meter Anlagenhöhe (siehe Tabelle Wertstufen).
 

Tabelle Wertstufen (Quelle: Windenergieerlass NRW 2018 - Anhang)

Wertstufe Landschaftsbildeinheit bis zu 2 WEA
Ersatzgeld pro Anlage je Meter Anlagenhöhe
Windparks mit 3-5 Anlagen
Ersatzgeld pro Anlage je Meter Anlagenhöhe
Windparks ab 6 Anlagen
Ersatzgeld pro Anlage je Meter Anlagenhöhe
1 sehr gering/gering 100 € 75 € 50 €
2 mittel 200 € 160 € 120 €
3 hoch 400 € 340 € 280 €
4 sehr hoch 800 € 720 € 640 €

 
Unter bestimmten Umständen kann allerdings auch lediglich ein Teilausgleich erforderlich werden, bei dem sich die Ersatzzahlung verringert. Ein solcher Teilausgleich kommt beim Rückbau von Windenergieanlagen im Sinne eines Repowerings zum Tragen. Mit Verweis auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Schleswig aus dem Jahr 2009 wertet der Windenergieerlass den Rückbau von Windenergieanlagen im Zuge des Repowerings als eine erhebliche Entlastung des Landschaftsbildes, weswegen für die neu zu errichtenden Anlagen nur eine Teilkompensation zu leisten ist. Allerdings müsse die Entlastung des Naturhaushaltes und des Landschaftsbildes durch den Abbau der alten Windenergieanlagen nach denselben Maßstäben bewertet werden wie der neu erfolgende Eingriff. Um die Summe des Ersatzgeldes hierbei zu berechnen, gibt der Windenergieerlass vor, dass der Kompensationsumfang der Anlagen, die zurückgebaut werden, nach dem gleichen Verfahren zu berechnen ist wie für die Neuanlagen und anschließend von der Summe des Ersatzgeldes für die Neuanlagen abgezogen werden muss.

Rechtliche Prüfung des Landschaftsbildes
Beim Ausbau der Windenergie werden landschaftsästhetische Aspekte im Rahmen der Regional- und Flächennutzungsplanung bei der Umweltprüfung, der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) sowie der Eingriffsregelung berücksichtigt. Bei der Umweltprüfung sind die Auswirkungen der Windenergienutzung auf das Landschaftsbild in einem Umweltbericht zu beschreiben und zu bewerten und die voraussichtlichen erheblichen Umweltauswirkungen zu ermitteln (nach § 2 Absatz 4 Satz 1 des Baugesetzbuches – BauGB). Im Rahmen der UVP muss ermittelt, beschrieben und bewertet werden, welche Auswirkungen von Windenergieanlagen auf die Landschaft ausgehen. Bei der Aufstellung eines Bebauungsplans für Photovoltaik-Freiflächenanlagen ist eine Umweltprüfung durchzuführen. Je nach Größe der Anlage muss für ihre Genehmigung gegebenenfalls zusätzlich eine UVP durchgeführt werden. Daher sind bei jeder Umweltprüfung die Auswirkungen eines Plans auf die Landschaft zu ermitteln, zu beschreiben und zu bewerten. Bei Biogasanlagen bieten die Aufstellung von Bebauungsplänen sowie die Eingriffsregelung und das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren Ansatzpunkte, um landschaftsästhetische Aspekte zu berücksichtigen. Bei Pumpspeicherkraftwerken werden diese vor allem bei der Umweltverträglichkeitsprüfung im Raumordnungsverfahren oder beim nachfolgenden Planfeststellungsverfahren thematisiert. Des Weiteren ist das Landschaftsbild auch bei der Wasserkraft Gegenstand der Eingriffsregelung als Bestandteil des landschaftspflegerischen Begleitplans.

Bundesamt für Naturschutz veröffentlichte Studie zum Landschaftsbild
Im August 2018 veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz eine Studie mit dem Titel „Landschaftsbild und Energiewende“, in der die Autoren analysieren, wie die Bewertung des Landschaftsbildes bei den zuvor genannten Instrumenten im Rahmen der Planungs- und Genehmigungsverfahren verschiedener Erneuerbare-Energien-Anlagen in der Praxis berücksichtigt wird. In Band 1 werteten die Wissenschaftler Planungs- und Zulassungsverfahren von Anlagen zur Nutzung der Windenergie, Solarenergie, Wasserkraft und Biomasse aus und nahmen zusätzlich die aktuelle Rechtsprechung dazu unter die Lupe. In Band 2 geben sie Empfehlungen, wie das Landschaftsbild aus ihrer Sicht künftig bei der Planung und Nutzung von Erneuerbare-Energien-Anlagen berücksichtigt werden sollte. Bei ihrer Untersuchung fanden sie heraus, dass es eine große methodische Vielfalt bei der Bewertung des Landschaftsbildes in Deutschland gibt und dabei nicht nur eine einzige Standardmethode verwendet wird. Außerdem schlossen sie aus ihren Ergebnissen, dass Veränderungen der Landschaft durch die Energiewende in anderen europäischen Ländern deutlich partizipativer vorbereitet und begleitet würden als hierzulande. Bezogen auf die Planungspraxis werden die Effekte der Energiewende auf das Landschaftsbild nach Ansicht der Autoren der Studie derzeit häufig vernachlässigt und bei den untersuchten Planungs- und Zulassungsverfahren nur unzureichend einbezogen. Die Untersuchung zeige außerdem, dass sich die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten, landschaftsästhetische Aspekte zu berücksichtigen, zwischen den einzelnen Erneuerbare-Energien-Arten und den einzelnen Instrumenten im Planungs- und Genehmigungsprozess bedeutend voneinander unterscheiden. Zusätzlich zeigen die Wissenschaftler auf, dass die einzelnen Bundesländer mit den ihnen zur Verfügung stehenden Instrumenten unterschiedlich umgehen, was daran deutlich werde, wie sich die Größe des Umfangs der Kompensation für den Eingriff von Windenergieanlagen ins Landschaftsbild ausgestaltet.

Bei den im Zusammenhang mit der Windenergienutzung durch die Autoren analysierten Regional- bzw. Flächennutzungsplänen wurden in 60 Prozent der Fälle landschaftsästhetische Argumente lediglich indirekt, im Zuge anderer Kriterien oder nur am Rande thematisiert. Bei Photovoltaik-Freiflächenanlagen wurden für jedes der 13 Flächenbundesländer zwei Bebauungspläne zufällig ausgewählt und ausgewertet. Die Autoren kommen aufgrund dieser Ergebnisse ihrer Auswertung zu dem Schluss, dass landschaftsästhetische Aspekte bei der Planung und Zulassung von Freiflächenphotovoltaikanlagen künftig stärkere Berücksichtigung sowohl in der Bebauungsplanung als auch in der Umweltprüfung und Eingriffsregelung finden sollte. Es wurden zehn Genehmigungs- und Zulassungsverfahren für Biogasanlagen aus unterschiedlichen Landkreisen und kreisfreien Städten in Sachsen ausgewählt und deren Akten vor Ort ausgewertet. Bei den Regionalplanungen spielen laut den Autoren landschaftsästhetische Aspekte im Zusammenhang mit Bioenergie im Regelfall nur ansatzweise eine Rolle. Die Untersuchung von Flächennutzungsplänen ergab, dass es noch erhebliches Potenzial gebe, vorsorgend Einfluss auf die Errichtung von Biogasanlagen zu nehmen und in diesem Zuge landschaftsästhetische Aspekte zu berücksichtigen.

Bei einer Umweltverträglichkeitsprüfung von Pumpspeicherkraftwerken sollten computergestützte Sichtraumanalysen, differenzierte Bewertungen der potenziellen Beeinträchtigung spezifischer Sichtbeziehungen und Visualisierungen von verschiedenen Standorten im Umfeld aus nach Auffassung der Autoren zur Standardvorgehensweise zählen.

Ausblick
In den kommenden Jahren wird sich das Landschaftsbild durch die voranschreitende Energiewende weiter verändern. Da jeder Mensch die Natur und das Landschaftsbild unterschiedlich und auf seine persönliche Weise wahrnimmt, bleibt letztendlich die Frage offen, ob sich für die notwendige Bewertung des Landschaftsbildes bei der Energiewende objektive Kriterien überhaupt angemessen definieren lassen. Dennoch wird es auch zukünftig von wesentlicher Bedeutung für die Akzeptanz des weiteren Ausbaus der erneuerbaren Energien bei den Bürgerinnen und Bürgern sein, wie Natur und Landschaft in den entsprechenden Planungs- und Genehmigungsprozessen berücksichtigt werden.

Weiterführende Informationen:
Studie Landschaftsbild & Energiewende – Band 1: Grundlagen

Studie Landschaftsbild & Energiewende – Band 2: Handlungsempfehlungen

Windenergierlass NRW 2018

Kategorie: 
Fachbeiträge und Meldungen